Gedanken zum inklusiven Segeln

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In meinem achten Lebensjahr erkrankte ich an Polio. Seither bin ich an den Beinen gelähmt. Rückblickend hatte ich das große Glück, inklusiv leben zu können. Exklusion war für mich ein Fremdwort – im doppelten Sinn. Ich war nicht ausgeschlossen von der normalen Grundschule, vom normalen Gymnasium, von der Universität, von Regatten gegen nichtbehinderte Segler, vom Fussballspielen im Tor, vom Tanzen. Ich war nicht ausgeschlossen von familiärem Glück oder von beruflichem Erfolg.

Inklusion von Behinderten ist heute ein vielbenutztes Schlagwort auch im Segelsport und erst recht im 2.4mR. Häufig diskutieren das in erster Linie Nichtbehinderte und fordern vehement Inklusion als ein Menschenrecht. Das ist aller Ehren, Anerkennung und Unterstützung wert.

Aber es geht schon bei der Wortwahl los, wenn sich die Nichtbehinderten unwohl mit dem Wort „behindert“ fühlen und es mit „eingeschränkt“, „beeinträchtigt“ oder ähnlichen Hilfskonstrukten versuchen. Offiziell heißen behinderte Segler „Para-Segler“, dem Begriff Paralympics folgend. Das ist ursprünglich eine Zusammensetzung der Wörter Paraplegic (engl.: gelähmt) und Olympic. Um ihn auch auf Menschen mit anderen Behinderungsarten zu erweitern, wurde die Wortbildung neu definiert und wird jetzt auf die griechischen Worte Para (neben) und Olympics zurückgeführt. Siehe Wikipedia

Ich selbst habe, wie viele andere Betroffene, mit der Kennzeichnung als Behinderter keine Probleme. Und da geht es mir wie vielen anderen Betroffenen. Etwas provokativ formuliere ich häufig gegenüber „Normalos“: „Bei mir sieht man die Behinderung, bei Euch nicht!“

Statt Behinderung könnte ich auch von Schwächen sprechen und dann wird gleich klar: Jeder Mensch hat seine Stärken und seine Schwächen. Und wenn Inklusion häufig als die Ermöglichung von „Teilhabe“ bezeichnet wird, dann behindern jeden Menschen seine Schwächen an einer Teilhabe in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen. 

  • Ein Mensch, der nicht gut singen kann, ist von der Teilhabe in einem Chor ausgeschlossen. 
  • Jemand, der nicht besonders gut laufen kann, ist vom Beruf des Profi-Fußballers ausgeschlossen

Aber alle diese Menschen, denen eine Teilhabe in bestimmten Bereichen nicht möglich ist, haben auch Stärken, die die Teilhabe in anderen Bereichen zulassen, die wiederum anderen Menschen verschlossen sind.

Das ist nicht nur eine philosophische Erörterung, sondern zeigt auch Wege auf, wie man Exklusion überwinden kann. Denn Inklusion kann man erreichen, wenn man auf die Stärken setzt oder die Schwächen, wenn nicht überwindet, so doch abschwächt. Dazu gibt es unterschiedliche Wege:

  • Exklusion akzeptieren: Wenn man keine Stärke für Fremdsprachen hat, kann man akzeptieren, dass einem der Beruf des Dolmetschers verschlossen ist (und dann einen der tausend anderen Berufe wählen). Wenn man nicht gut singt, kann man die verweigerte Aufnahme in einen Chor verschmerzen (und vielleicht Gemeinschaftsgefühl in einem der vielen Vereine mit anderen Zielsetzungen suchen).
  • Schwächen im Team oder in der Partnerschaft ersetzen: Wenn man Schwierigkeiten hat Segel hoch zu ziehen, kann das ein Mitsegler übernehmen. Und man übernimmt selbst die Pinne mit nur geringen Armausschlägen.
  • Ersatzwege beschreiten: Der Laufschwache kann sicherlich nicht Mittelstürmer spielen, aber vielleicht in einer Kindermannschaft im Tor stehen und im Fallen manchen Ball halten (siehe oben).
  • Technische Hilfsmittel verwenden: Ein Beinamputierter wurde vor 100 Jahren mit Krücken mobil, heute mit elektronisch gesteuerten Prothesen.

Und so sieht es auch im 2.4er aus. Dort ist für uns als Segler die Exklusion ausgeschlossen. Egal, ob man den Mast nicht ohne Hilfe setzen oder den Trailer nicht schieben kann. Beim Start, auf der Bahn und im Ziel gibt es keinen Sonderstatus und keine Hilfe. Da sind Behinderte und Nichtbehinderte völlig gleichgestellt. Da kommt es nur auf die Segelstärken an, körperliche Schwächen sind nachrangig. Das ist für den Sport einzigartig.

Schön auf den Punkt gebracht, heißt das:

Behinderte 2.4er-Segler sind wie Pinguine:
Auf dem Land schwerfällig, im Wasser aber flott und beweglich.

Megan Pescoe, Welt- und Europameisterin

Insofern ist der Untertitel dieser Website völlig berechtigt; denn 2.4mR-Segeln ist:
Inklusives Segeln in höchster Vollendung!

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